Boehrer, Bruce Thomas.“Renaissance Overeating: The Sad Case of Ben Jonson“. in PMLA. Vol 105/5 (Okt 1990)
An verschiedenen Stellen hat Ben Jonson auf seinen korpulenten Körperbau verwiesen. Stetig versucht er, diesen Nachteil in eine Tugend umzudeuten. Einige frühe Biographen sind ihm dahin gefolgt und haben seine körperliche Gestalt als notwendige Ergänzung zu den von ihm vertretenen Idealen der Balance, der Einfachheit und der Zurückhaltung, betrachtet.
… a famous fat man and legendary drunkard constructing a cult of personality around his own excessive girth while excoriating his contemporaries for eating and drinking too much. (S.1072)
Der Beitrag versucht das Verhältnis von kulinarischem Exzess und literarischem Werk neu zu bestimmen und will so den Blick auf die sozialen Praktiken zu lenken, in denen sich Ben Jonsons Reputation entwickelt. Das Vergnügen an üppigen Festgelagen ist ein typisches Merkmal des höfischen Lebens der Stuartzeit, mit dem sich die Aristokratie gegen das Bürgertum abgrenzte. Fressgier (gluttony) ist für Jonson Instrument der Machtergreifung und Zeichen seiner Mächtigkeit. Er frisst, um sozial aufzusteigen. Gleichsam scheint er sich nicht ganz von bürgerlichen Werten trennen zu wollen. Er versucht die aristokratischen Werte in den bürgerlichen Diskurs über Zurückhaltung und Moderation zu integrieren.
Jonson gilt als Vertreter des „plain style“, der Inhalt über Ausdruck stellt. Die sprachliche Gestaltung wird oft mit seinen moralischen und ästhetischen Werten gleichgesetzt. Boehrer nennt die Rezeption des Epigrams Inviting a Friend to Supper, das als Lob der Zurückhaltung oder Ausdruck wahrer Festlichkeit betrachtet wird. Die Ausgeglichenheit ist möglicherweise Resultat einer zuvor erfolgten Sättigung. Jonson kann gar nicht anders, als sich zurückzuhalten. Die Zeile „Of this we will sup free, but moderately“ ist ein Paradox. Wie soll derjenige, der sich einer unglaublichen Fülle von Speisen gegenüber sieht, zurückhalten können und gleichzeitig frei speisen? Die Exzessivität des Festgelages wird von Ben Jonson lediglich durch das Ambiente, durch Verweise auf sein „ärmliches Haus“, moderiert. Ähnlich wäre das Lippenbekenntnis zur Zurückhaltung als Strategie zu betrachten, welche den Eindruck der Verschwendung abmildert.
Inviting a Friend to Supper“ seeks to create moderation out of juxtaposed and mutually exclusive extremes-extremes both of rhetoric and of social practice. On the one hand the poet assumes an air of hearty, good-natured poverty, asserting, in effect, that „we literati are simple folk“; yet as soon as this position becomes available, he snatches it back, replacing it with godwit, knat, raile, ruffe, Vergil, Tacitus, and Livy:… (S. 1073)
Wie wird der Eindruck eines moderaten Verhaltens noch erzeugt? Ben Jonson beschreibt ungebändigte, verfeinerte Vergnügungen und bezeichnet sie anschließend als einfach und arm. In dieser Hinsicht verhalte sich Ben Jonson wie ein Kleinbürger, der vom Großbürgertum – dem Adel im 17. Jahrhundert – fasziniert ist und gleichzeitig mit der Sache der Armen sympathisiert. Jonson führe Moderation nicht vor, sondern setze sie voraus.
Jonson can eat and drink until he chokes and still remain temperate… (S. 1074)
Im Epigram 101 beschreibt er die an das Essen anschließende Konversation als frei, aber etabliert zugleich Regeln, nach denen gesprochen werden soll. Das Bild der freien Rede und der unschuldigen Freundschaft zwischen den Redenden wird durch verschiedene Strategien garantiert. Ben Jonson nimmt in diesem Epigram die Position des absoluten Herrschers ein, der alles sieht, hört und regelt. Er steht über den Dingen und Widersprüchen, die seine Aussagen produzieren.
For as Jonson promotes himself through his work, he increasingly asserts his independence from the moral and aesthetic principles his work embodies. It is as if his qualifications as promoter of the moral law were a function of his superiority to it, a superiority to be displayed in every facet of his personal behavior. (S.1076)
Sein Erfolg berucht auf der Fähigkeit verschiedene Rollen einzunehmen. Er leidet mit dem Volk, wenn er korrupte Adlige beschreibt. Doch er dient auch dem König. Für ihn ist er ein Narr und für die närrischen Leute (die einfachen Menschen) ein König. Durch seinen statusbewussten Konsum (conspicuous consumption) erwirbt er Reputation. Von ihr ist er abhängig, so dass er ihr stets seine Prinzipien opfert.
His discourse of moderation-assertions of stoic calm, gestures toward classical restraint and the plain style, the pretense of cheerful humility-repeatedly melts into the language of royal absolutism and autocratic display. (S. 1080)
Seine moralische Ordnung, die er zunächst außerhalb der Gesellschaft verortet, kapituliert vor der gesellschaftlichen Hierarchie. Um Plainness zu verbreiten, muss er an den Exzessen teilnehmen.
… to promote plainness, Jonson must participate in extravagance, and he typically mystifies this relation by renaming display restraint and vice versa. In a series of formulations that could have come directly from Orwell’s Ministry of Truth, Jonson claims that anger is calm, that surveillance is liberty, that nobility is humble, and that drunken gourmandise is sober diet. This strategy rehabilitates the fat Jonson of courtly excess in the image of an almost revolutionary classical severity, much like the Roman republican virtue that would later inspire revolutionary movements in England, France, and America. (S. 1080)