Babbe, Lawrence. Love Melancholy in the Elizabethan and Early Stuart Drama. in Bulletin of the History of Medicine.13(1943)
Liebe wurde im 16. Jahrhundert nicht nur romantisch thematisiert, sondern auch unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet. Man kannte zwei Stadien der Liebeskrankheit, die in Begriffen der antiken Humoraltheorie beschrieben wurden. Träger der Liebe ist das Blut, ein feuchter und warmer Saft (humor). In der ersten Phase erwärmt sich das Blut durch das Verlangen. Bald kommt es zu einem Umschlag. Das Blut verliert an Quantität und erkaltet. Der Liebende leidet an „love melancholy“. Da Feuchtigkeit und Wärme als lebensnotwendig erachtet werden, ist dieser Zustand lebensgefährlich. Melancholiker sind dürr, kurzlebig und unglücklich.
Liebe kühlt auf verschiedene Arten das Blut ab. Erstens bewirkt sie eine erhöhte mentale Aktivität, weil der Liebende an die Schönheit der Geliebten oder an seine Hoffnungen und Ängste denkt. Wärme und Feuchtigkeit werden in diesem Prozess als Ressourcen verbraucht. Zweitens wird ein Liebender von seinen Leidenschaften getrieben. Die Exzesse verbrennen die Säfte wie Feuer und hinterlassen lediglich kalte Rückstände. Ist die Liebe unglücklich, wird der Liebende, drittens, von kalten Leidenschaften wie Angst und Trauer beherrscht. Auch Schlaflosigkeit, Verstopfung, unverdautes Essen werden, viertens, als mögliche Ursachen betrachtet.
Die Liebeskrankheit hat viele Symptome. Der Liebende seufzt, errötet, weint oder wird ohnmächtig. Seine Launen wechseln. Er hat keinen Appetit oder er schläft schlecht. Zudem versagt sein Sprache und er wird unachtsam gegenüber seiner äußeren Erscheinung. Die Melancholie schreibt sich tief in den Körper ein. Der Liebende wird dünn, die Augen fallen ein, die Haut bleicht aus oder erhält einen Gelb- bzw. Grünton. Sei Puls ist unstetig. Der Zustand wird als Verrückheitheit beschrieben. Manche Theoretiker halten eine Verwandlung zum Wehrwolf nicht für ausgeschlossen. Sicher ist auch der baldige Tod, da Liebende zum Selbstmord neigen.
Der Arzt muss zuerst den Patienten zur Kooperation bewegen. Die Liebenden verweigern sich der Behandlung. Eine wichtige Voraussetzung für die Theraphie ist die Kenntnis der oder des Geliebten. Die Befriedigung des Verlangens würde als beste Kur anerkannt. Ist diese Medizin nicht verabreichbar, ist das soziale Umfeld gefragt, die Narrheit des Verhaltens dem Kranken zu offenbaren. Die Verächtlichmachung der Geliebten wird ebenso für brauchbar gehalten, wie ein Perspektivwechsel – eine neue Liebe. Kontakt mit der ursprünglichen Geliebten ist zu vermeiden. Die körperlichen Symptome können u.a. auch mit einem Aderlass behandelt werden. Diese Vorstellungen spiegeln sich auch in literarischen Texten wieder. Sie dienen der Beschreibung von Figuren, um ihren emotionalen Zustand zu verdeutlichen. Manche Texte stellen ausführlich den Verlauf der Krankheit und ihre Heilung dar. Beliebt ist die Liebe zur Geliebten eines Freundes, auf die jener, wegen der schweren Krankheit seines Freundes, verzichtet. Andere schildern ausführlich die Verrücktheit, die durch Liebe verursacht wird.