Orth, Eva-Maria. „Gesprächsstile in der Erzählliteratur der englischen Renaissance bei John Grange und Thomas Deloney“. in Dialog und Gesprächskultur in der Renaissance. Bodo Guthmüller (Hg.).2004
Der Beitrag widmet sich den oft vernachlässigten Prosatexten der englischen Renaissance. Die Autorin kritisiert die Kategorie des Realismus als Ansatz für die Bewertung der Prosa dieser Zeit. (229) Als Indiz für den oft geforderten Realismus fungierte eine bestimmte Vorstellung davon, wie Dialoge gestaltet sein müssen. Beklagt werde z.B. die mangelnde Wahrscheinlichkeit, mit der die Figuren argumentieren. Die vorgetragenen Gedanken entsprechen nur unvollkommen den dargestellten Charakteren. Nichtrealistische Texte legen den Schwerpunkt auf die Form, wie etwas gesagt wird. Insbesondere John Lyly und Sir Philip Sidney können als Vertreter dieses Typs von Dialoggestaltung gelten. Sie orientieren sich am hohen Stil und betonen die Rhetorizität des Textes. (230) In Euphues: The Anatomy of Wyt ist die Handlung Nebensache. Die Dialoge sind durch einen Wettstreit der Redner gekennzeichnet, durch wechselseitig vorgetragene Reden. Innere Figurenmonologe folgen ebenfalls diesem Prinzip. Die Sprachäußerung ist von der amplificatio geprägt, der inhaltlichen Erweiterung des Themas durch Beispiele aus der Natur oder der antiken Mythologie/Geschichte. Zudem werden viele rhetorische Figuren verwendet. Der sprachlichen Virtuosität entspräche die Vieldeutigkeit des Inhalts. (231) Die Verdrängung des Narrativen ist nicht unbedingt negativ zu bewerten. Aus postmoderner Perspektive fasznieren die Texte aufgrund ihrer Selbstbezüglichkeit.(232) An den gewählten Beispielen – John Grange Golden Aphroditis (1577) und Thomas Deloney The Gentle Craft (1598) – beschreibt die Autorin verschiedene stilisitische Dialogtypen, deren Grenzen allerdings fließend sind. Im hohen Stil verfasste Dialoge nehmen auf den niedrigen Stil Bezug. Plain speaking ist die Form des Fremden in diesem Diskurs. Offenes Sprechen wirkt unverständlich und gilt als Verletzung gesellschaftlicher Regeln. Ähnlich setzt sich der niedrige Stil vom hohen Stil ab. Wird er verwendet, dann um Pseudogelehrsamkeit auszudrücken. Deloney greift konstruktiv auf dieses Ausdrucksvermögen zurück, wenn er das Handwerk glorifizieren möchte. Der hohe Stil ermöglichte einen Gegenstand besondere Wertschätzung zukommen zu lassen.